Studienreise Teil 5 – 17.10.2019

Vorab, wie gehabt das Fazit unserer mitreisenden Peers

Der Besuch im Zentrum der seelischen Gesundheit gab uns einen tiefen Einblick in die andersartige Versorgung von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in Triest. Die detaillierte Schilderung von Kosten und Nutzen einer sich seit Anfang der 70 er Jahre stets erneuernden „psychiatrischen“ Landschaft fasziniert uns!
Wir schauen mit Zuversicht auf eine voranschreitende und sich entwickelnde Psychiatrie.

Der Besuch im Zentrum zeigte uns offen Arbeit, die Vermeidung von Zwangsmaßnahmen und recoveryorientiere Arbeitsansätze.

 

Trieste 17.10.2019

An unserem letzten Tag der Studienreise besuchen wir erneut das Gelände der ehemaligen Anstalt von Trieste. Allerdings richtet sich unser Blick dieses Mal auf die Diagnose und Behandlung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung.

Italien ist in 20 Regionen und 5 Bundesländer aufgeteilt. Die Zuständigkeiten sind in Trieste auf 4 Provinzen mit jeweils einem Stadtteilzentrum aufgeteilt, wobei eine Einheit für 60.000 Einwohner zuständig ist. Trieste hat ca. 234.000 Einwohner

Teil einer Einheit ist ein psychiatrischer Dienst zur Feststellung einer Diagnose und Behandlung, ein Wohndienst, ein integrierter Service für Verhaltensstörungen, ein Zentrum für psychische Gesundheit und jeweils 6-15 Betten in der Klinik, die jedoch nur im Notfall belegt werden. Grundsätzlich sind die Stadtteilzentren für die 24 Stunden Versorgung an 7 Tagen in der Woche zuständig. Sie halten einige Krisenbetten vor.

Die offene Art der Behandlung hat auch andere Gesundheitsbereiche beeinflusst. Nur noch Erst- oder Notfallversorgung findet in Italien in Krankenhäusern statt. Das soziale Umfeld wird in seiner Gesamtheit gesehen und möglichst in Anspruch genommen.

Man sieht nicht in 1. Linie das Symptom, sondern den Menschen als Ganzheit, der eine Geschichte hat.

Die Interventionsachsen, an denen jede Arbeit mit Klient*innen ansetzt, sind:

– eine Wohnung,

– Arbeit, um sich in der Gesellschaft zu integrieren und

– die Vertretung der Menschen mit einer Beeinträchtigung und ihre Selbstbefähigung, für die eigenen Rechte einzutreten.

Der anschließende Besuch eines Stadtteilzentrums zeigt uns die Praxis dieses Ansatzes. Auf zwei Etagen nehmen laufend etwa 40-50 Personen an Angeboten teil, sprechen mit Psychiater*innen, Psycholog*innen oder Sozialassistent*innen, erhalten Medikamente, können dort essen.

Immer ist ein Arzt anwesend (bis auf Feiertage und in der Nacht). Zwei Krankenpfleger*innen sind non-stop vor Ort. Eine*r von ihnen sitzt direkt am Eingangsbereich und kann dadurch sehen kann, wer das Zentrum betritt und Besucher*innen in Empfang nehmen. Ein Psychologe kann bei Bedarf hinzugezogen werden. Insgesamt arbeiten in zwei Schichten acht Krankenpfleger*innen in dem Zentrum oder aufsuchend. Die sozialen Kooperativen übernehmen einen großen Teil der Behandlung zuhause.

Im ersten OG der Einrichtung befinden sich ein Speiseraum und eine Krisenwohnung mit 6 Betten. Die meisten Bewohner*innen dieser Krisenbetten bleiben zwischen zwei Tagen bis zwei Monate. Im Durchschnitt bleiben sie eine Woche hier. Wie lange der Aufenthalt dauert, hängt von der Not des Einzelnen ab. Geprüft wird, ob eine Wohnung vorhanden ist und ob bzw. welches soziale Netzwerk vorhanden ist.

Wie viele Personen in der Krisenwohnung leben, variiert.

In der Nacht sind zwei Mitarbeiter*innen im ersten OG anwesend. In Notfällen ist ein Psychiater zu erreichen.

Fast alle Gespräche finden zwischen dem Psychiater, einem Krankenpfleger/ einer Krankenpflegerin und den Betroffenen statt.

Grundsätzlich gibt es Zwang, allerdings müssen, um diesen auszuüben, zwei Psychiater*innen unabhängig voneinander hierfür ein Attest ausstellen. Der Bürgermeister muss auf dieser Grundlage entscheiden. Fixierungen gibt es nicht.

Unser letzter Besuch führt uns in ein Krankenhaus, wo wir uns mit einer Psychiaterin treffen.

Neben Diagnostik und Behandlung gibt es einen Notfalldienst im Krankenhaus.

Der Notfalldienst in Triest unterscheidet sich von anderen Regionen in Italien. Dieser hat lediglich 6 Betten, die nicht immer alle belegt sind, wohingegen andere Regionen ca. 15 Betten haben, was daran liegt, dass die Stadtteilzentren in Triest so stark vertreten sind.

Die Aufnahmedauer im Krankenhaus soll so kurz wie möglich gehalten werden. Im absoluten Ausnahmefall gibt es einen Verbleib von 2-3 Wochen.

Die Patient*innen kommen entweder aus dem allgemeinen Krankenhaus, von Zuhause oder aus den Stadtteilzentren dorthin.

Im Unterschied zu den Stadtteilzentren gibt es hier keine multiprofessionellen Teams. 2 Psychiater*innen und Krankenpfleger*innen und Krankenpflegehelfer*innen kümmern sich hier um die anwesenden Patient*innen.

Die Aufgaben der Ärzte sind:

  1. Beratung
  2. Notaufnahme
  3. Behandlung
  4. Beziehung zu Stadtteilteams herstellen

Auch Zwangsaufnahmen finden entweder hier oder in den Stadtteilzentren statt.

 

Die Aufnahme in diese Station erfolgt entweder, weil sie von juristischen Instanzen gefordert wird oder weil Stadtteilzentren überfüllt sind. Ein weiterer Aufnahmegrund sind zusätzliche körperliche Probleme, die einen Aufenthalt erfordern.

Die Türen sind jederzeit offen. Nur nachts kann von außen die Tür nicht geöffnet werden.

Die Betten sind auf vier Zimmer aufgeteilt. Außerdem gibt es einen Aufenthaltsraum, einen Medikamentenraum und ein Büro.

Die Zusammenarbeit mit den Stadteilteams wird so organisiert, dass es morgens einen telefonischen Kontakt mit den Stadtteilteams gibt und hierüber Absprachen getroffen werden. Regelmäßig haben die Ärzte der Stadtteilzentren Dienst in den Kliniken.

 

Mit diesem Gespräch endet der fachliche Teil unserer Reise.

Das Fazit der Mitreisenden fällt sehr positiv aus. Wir haben in den letzten Tagen einen sehr intensiven Einblick in die Arbeit der Kolleg*innen aus Österreich, Slowenien und Italien bekommen.

Jede*r Mitreisende nimmt Ideen und Inhalte mit, um zuhause das ein oder andere umzusetzen oder weiter zu diskutieren. Jedes Land hat seine Besonderheiten, alle Länder legen jedoch einen starken Fokus auf das Thema Arbeit.

Wir haben sehr interessante Menschen kennenlernen dürfen und sind überall mit offenen Armen empfangen worden.

Diese Erfahrungen machen Lust auf mehr internationalen Austausch und Netzwerkbildung über die nationalen Grenzen hinweg.

Unsere Reisegruppe war multiprofessionell zusammengesetzt, was zu sehr interessanten Gesprächen und Diskussionen geführt hat. Besonders bereichert hat die Gruppe, dass wir vier Peers an Bord hatten, die uns gezeigt haben, wie wertvoll und gewinnbringend ihre Mitarbeit ist.

 

Herzlichen Dank fürs Mitlesen dieses Blogs und das Interesse an unserer Reise!