Studienreise Teil 4 – 16.10.2019

Bevor noch weitere Informationen zu diesem Tag in Trieste folgen, vorab das Fazit unserer Peers:

Wir fanden es sehr spannend und beeindruckend die Anfänge einer freieren Psychiatrie kennen zu lernen.
Wir waren über die Zustände der damaligen Psychiatrie erschrocken. Besonders verstörend und bewegend war der Bildband der Bilder der vergangen schlimmen Zustände in der Psychiatrie zeigte!

Das erste europäische Treffen mit unseren Kollegen aus Triest war für uns sehr besonders. Wir fanden den Austausch sehr wichtig und konnten vereinzelnde Unterschiede der Arbeitsweisen feststellen aber ganz besonders viele Gemeinsamkeiten in der Arbeit als Peer finden.

Wir haben die Gelegenheit zu einer Vernetzung genutzt.
Übereinstimmend stellten wir fest dass die Peerarbeit weder in den Köpfen noch in den Institutionen ausreichend differenziert angekommen ist.

 

Trieste 16.10.2019

Die Geburtsstunde der Deinstitutionalisierung hat in den 1970er Jahren in Trieste stattgefunden, die Aufbruchstimmung ist bis heute zu spüren.

Felicitas Kresimon, Präsidentin einer Kooperative, gibt uns zunächst einen Einblick in die Zeit der geschlossenen Anstalt bis hin zum Sozialraumansatz. Durch Franco Basaglia wurde dieser Prozess in Gang gesetzt und führte dazu, dass in den letzten Jahrzehnten alle Anstalten in Italien geschlossen wurden.

In den 50 er und 60 er Jahren entstanden zunächst in den USA und dann in ganz Europa Kritikbewegungen, die einen stärkeren sozialen Aspekt forderten. So sollten Grundvoraussetzungen geschaffen werden, damit Menschen mit Behinderung am sozialen Leben teilhaben konnten.

Es musste eine radikale Änderung herbeigeführt werden. Das Gesetz 180, auch Triestiner Gesetz genannt, wurde eingeführt.

2015 wurde die letzte forensische Klinik in Italien geschlossen.

Mehr und mehr entstanden und entstehen soziale Kooperativen – Soziale Genossenschaften – Stand heute ca. 16.000 in Italien – die Arbeit für Menschen mit Benachteiligungen bieten.

Ziel ist die Integration der Psychiatriepatient*innen in den gesellschaftlichen Kontext und die entgeltliche Entlohnung dafür. 30% der Mitarbeitenden einer Kooperative müssen eine Behinderung haben.

Die erste soziale Kooperative wurde 1974 gegründet, die CLU-Franco Basaglia, die bis heute existiert.

Arbeitsbereiche, in denen die Kooperativen zunächst tätig waren, waren Putzarbeiten, Reparaturen, Gastronomie, Wäscherei, Druckerei und Gartenarbeit. Die Arbeitsfelder haben sich über die Jahre erheblich erweitert.

1990 entstand die erste soziale Kooperative, die im Rahmen der psychiatrischen Dienste soziale Dienstleistungen erbringt, die Agenzia Social.

Unser nächster Stop findet bei einer Kooperative B – Querciambiente – statt.

Die Kooperative versucht, Menschen mit einer Behinderung wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern – dies auch unter Einbindung ökologischer Aspekte. In der Kooperative geht es darum, differenzierte Abfallversorgung zu betreiben.

Die Kooperative kooperiert selbstfinanziert mit Schulen, um Schüler für das Thema Ökologie zu sensibilisieren. Durch die Arbeit soll ein kultureller Mehrwert geschaffen und der Gesellschaft zugeführt werden – auch dies ist ein Auftrag an Kooperativen.

1996 ist die Kooperative entstanden.

Quercia ist der Name der Mutterkooperative (A), die zum Zweck, junge Menschen aufzufangen und in Arbeit zu integrieren, gegründet wurde.

Damals wurde mit zwei Jugendlichen begonnen. Heute sind es 51 Mitarbeitende, wobei 16 aus dem benachteiligten Bereich kommen.

Aktuell wird die Tätigkeit der Straßenreinigung im Zentrum und in Außenbezirken von Trieste ausgebaut, in Zusammenarbeit mit einem Profit-Unternehmen. Dieses Projekt erhöht gleichzeitig die Sichtbarkeit der Kooperativen und die Sensibilisierung der Profit-Unternehmen.

Eine Psychologin von Quercia kommt zweimal die Woche in die Kooperative und unterstützt bei Problemen.

Wir fahren im Anschluss zu dem ehemaligen Anstaltsgelände, wo Menschen mit psychischen Erkrankungen in menschenunwürdigen Verhältnissen eingesperrt wurden. Heute befinden sich dort Teile der Universität, Büros und Ausstellungsräume von Kooperativen und weitere Aktivitäten. Auch das Restaurant wird durch eine Kooperative bewirtschaftet. Wir treffen dort zwei  Peers und ihre Koordinatorin, die davon berichten, wie der Peer Support in Trieste langsam aufgebaut wird.

Peer Support findet seit 2016 in Trieste statt. Eine Gruppe von 14 Peers wurde 2015 in einer 300 Stunden umfassenden Schulung ausgebildet.

In 2015 startete die Gruppe zunächst, ohne ein festes Programm zu haben und fing mit informellen Gruppen in den Stadtteilcentren an. Als Teil eines europäischen Projektes, das durch EU-Gelder gefördert wurde, gelang es, im engen Austausch mit Peer Support Organisationen in Utrecht grundlegende Informationen und Hilfen beim Aufbau des Peerprojektes zu bekommen.

Heute gibt es immer noch regelmäßige Gesprächsrunden in den Stadtteilcentren. Außerdem werden Ausflüge oder Aktivitäten miteinander besprochen und durchgeführt. Oftmals entstehen auch längerfristige Kontakte.

Die Peers erhalten ein festes Gehalt. Dieser Lohn ist für die Peers auf der persönlichen Ebene und auch für ihre Weiterentwicklung sehr wichtig.

Sie arbeiten 25 Stunden, verteilt auf 5 Tag. Die Kommunikation zwischen Peers und Betroffenen hat eine besondere Qualität, weil Betroffene die Wahl und Freiheit haben, sprechen zu können, aber nicht zu müssen, mit jemandem, der die gleichen Erfahrungen gemacht hat.

Peers arbeiten immer in 2er Teams.

Sobald in Betroffenengruppen professionelle Mitarbeitende, wie z.B. Psychiater, Psychologen etc. auftreten, verändert das die Stimmung in der Gruppe. Die Peers haben sich daher entschieden, ihre Gruppen ohne die Anwesenheit von Fachkräften durchzuführen.

Sollte jemand allerdings professionelle Hilfe benötigen, so wird dies organisiert.

Ziele im Umgang mit den Betroffenen sind die soziale Einbindung, Teilhabe an Arbeit und aktives Zuhören.

2019 gab es eine nächste Ausbildungsrunde.

Es gibt vertiefend keine Fortbildungen für bereits ausgebildete Peers.

 

Kennt die Öffentlichkeit Peers? Wie ist deren Ansehen?

Peer Support ist in Italien noch nicht sehr verbreitet.  90% der Betroffenen, die mit den Peers im Stadtteilzentrum zu tun hatten, bleiben auch nach ihrer akuten Phasen in Kontakt.

 

 

Hier noch die Präsentation von Felicitas Kresimon DUEMILAUNO AGENZIA SOCIALE Felicitas Kresimon