50 Jahre Psychiatrie-Enquête –
Von der Irrenanstalt zu einer menschenwürdigen gemeindepsychiatrischen Versorgung
Es gibt Momente im Leben, in denen es alleine einfach nicht weitergeht, in denen vielleicht auch die Hilfe und Unterstützung von Familie und Freunden nicht mehr ausreicht – vor solchen Lebenseinschnitten ist keiner geschützt … und wer weiß in solch Situationen schon, an wen man sich wenden kann, wer helfen kann?
Bei unseren Mitgliedsorganisationen bekommt man sofort Hilfe (ohne monatelange Wartezeiten !) – durch niederschwellige Angebote, Beratung und Hilfeleistungen, die den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Kontaktdaten erhalten Sie über die Links auf der Seite Mitgliedsorganisationen.
Darüber hinaus arbeiten wir mit Kliniken, Fachärzt:innen und Therapeut:innen zusammen und sind damit Lots:innen in das Hilfesystem.
Die AGpR als Interessenvertretung von derzeit 100 Mitgliedsorganisationen im Rheinland setzt sich für die Verbesserung der Qualität in der psychosozialen Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren Angehörige ein.
Jetzt ist es an der Zeit zurück und nach vorne zu schauen und auf unsere Arbeit im Hilfesystem für Menschen mit psychischen Erkrankungen aufmerksam zu machen!
Unsere Geschichte …
Im Jahr 1975 hat die Psychiatrie-Enquete die Versorgung psychisch Kranker grundlegend verändert: Damals wurden psychisch kranke Menschen in großen Kliniken und Krankenhäusern meist außerhalb der Städte und Gemeinden mehr verwahrt als betreut. Die Expert:innen der Psychiatrie-Enquete empfohlen eine gemeindenahe Versorgung, den Ausbau von niederschwelliger Beratung und Selbsthilfegruppen für Betroffene und deren Angehörige, die Gleichstellung von somatisch und psychisch Kranker, die Umstrukturierung von großen psychiatrischen Kliniken und Krankenhäusern und die Eingliederung in die allgemeine Gesundheitsversorgung.
Dieses Jubiläumsjahr möchten wir insbesondere nutzen, um Sichtbarkeit für unsere Angebote zu erlangen … und wir wählen hierzu auch mal neue und andere Wege.
Zum Beispiel als Elferrat auf der Stunksitzung oder als Gruppe gemeinsam mit Nutzer:innen, Zu- und Angehörigen sowie Fach- und Führungskräften.





Das blaue Pferd – Marco Cavallo
Bereits ein paar Jahre vor 1975 führten in Italien Proteste zu einer Psychiatriereform, Anstalten wurden geschlossen, Behandlungsformen menschenwürdiger gestaltet. Das Symbol dieser Proteste und der Psychiatriereform war das blaue Pferd Marco Cavallo, entstanden durch die Zusammenarbeit von Patienten:innen, Künstlern und Personal in der psychiatrischen Anstalt San Giovanni in Triest. Das blaue Pferd Marco Cavallo ist auch in Deutschland zum Sinnbild einer gemeindenahen, menschenwürdigen Psychiatrie geworden.

Die Skulptur Marco Cavallo, ein großes blaues Pferd, wurde 1973 in der psychiatrischen Anstalt San Giovanni in Triest geschaffen. Sie entstand durch die Zusammenarbeit von Patient:innen, Künstler:innen und Personal und wurde zu einem kraftvollen Symbol für die Befreiung psychisch Kranker aus geschlossenen Einrichtungen. Die Inspiration für das Kunstwerk lieferte das echte Pferd Marco, das früher innerhalb der Anstalt Wäsche und Abfall transportierte und sich als einziges Wesen frei bewegen – aus dem Klinikgelände raus und wieder hinein – durfte.
Die Skulptur stand für den Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben außerhalb der Mauern der Psychiatrie. Ihr symbolischer Durchbruch dieser Mauern markierte einen wichtigen Schritt in der Psychiatriereform, die maßgeblich von Franco Basaglia, dem Leiter der Anstalt, vorangetrieben wurde. Basaglia förderte kreative Projekte wie Mal- und Theaterworkshops, um den Patient:innen neue Ausdrucksmöglichkeiten und Perspektiven zu bieten.
Als Marco Cavallo 1973 bei einem Volksfest erstmals öffentlich präsentiert wurde, entwickelte sich die Skulptur schnell zu einem Symbol für die Deinstitutionalisierung der Psychiatrie. Die Reformbewegung, die durch Basaglia und seine Mitstreiter angestoßen wurde, führte schließlich zur Schließung psychiatrischer Anstalten in Italien und zur Einführung menschenwürdigerer Behandlungsformen.
Festival It´s all crazy – Celebrating Mental Health
Ankündigung des Festivals auf 1live

Impressionen vom Festival
copyright Fabio Neumann fabio_nmn





















„It’s all crazy – Celebrating Mental Health“: Ein Abend, der nachhallt
Ein Rückblick auf das inklusive Festival der AGpR im Kölner Tanzbrunnen
Am 17. Mai 2025 wurde im Kölner Tanzbrunnen ein starkes Zeichen für seelische Gesundheit gesetzt: Mit dem Festival „It’s all crazy – Celebrating Mental Health“ hat die Arbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrie Rheinland e.V. (AGpR) ein mutiges, kreatives und zutiefst inklusives Format auf die Beine gestellt – anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Psychiatrie-Enquete.
Festival mit Haltung, Tiefgang und Leichtigkeit
Der Tag war geprägt von einem vielfältigen Programm: Live-Podcast, Poetry Slam, Musik von Benne und Band, Mitmachstationen und Workshops von Partnern wie LVR, Psychiatrieverlag und „Verrückt? Na und!“. Auch interaktive Formate wie die Moodsuits, mit denen psychische Erkrankungen körperlich erfahrbar wurden, schlugen Brücken zwischen individueller Erfahrung und gesellschaftlichem Verständnis. Durch den Abend führte WDR-Moderator Ralph Erdenberger mit Empathie und Tiefgang – der krönende Abschluss: eine bunte Party im Luftballonbad.
„Wir sind viele – und wir gehören dazu“
Die Rückmeldungen von Besucher:innen und Beteiligten sprechen für sich. Guido Hoer, Geschäftsführer der PHG Duisburg, brachte es so auf den Punkt: „Ein Abend, der berührt, zum Nachdenken anregt – und einfach gutgetan hat. Professionell, aber nie glatt. Tiefgründig, aber nie schwer. Unterhaltsam, aber nicht beliebig.“
Für Denise Brenneis, selbst psychiatrieerfahren und aktiv im Jubiläumsjahr beteiligt, wurde das Festival zu einem Moment echter Teilhabe: „Da standen Jugendliche, alte Menschen, Profis und Betroffene nebeneinander – das war gelebte Inklusion.“
50 Jahre Enquete – neue Wege gehen
Das Festival war der bisherige Höhepunkt eines außergewöhnlichen Jubiläumsjahres: Vom Auftritt bei der Stunksitzung bis zur Teilnahme an den Schull- und Veedelszöch setzte die AGpR konsequent auf Sichtbarkeit und kreative Ausdrucksformen. Ziel: die Gemeindepsychiatrie dahin zu bringen, wo sie hingehört – mitten in die Gesellschaft.
Ein Appell an die Politik
Trotz wachsender Relevanz fehlt die politische Anerkennung. Dr. Thomas Hummelsheim, stellvertretender Vorsitzender der AGpR, kritisierte, dass psychische Gesundheit in der Antrittsrede der neuen Bundesgesundheitsministerin unerwähnt blieb – ein Versäumnis angesichts der Herausforderungen unserer Zeit.
Und jetzt?
Ob das Festival eine Fortsetzung findet, ist offen. Doch eines ist klar: Die AGpR hat gezeigt, wie moderne Gemeindepsychiatrie aussehen kann – kreativ, inklusiv, nahbar und voller Haltung. Oder, wie Denise Brenneis sagt:
„Ich bin nicht allein. Wir sind viele. Und wir gehören hierher – mitten in die Gesellschaft.“
Lust auf weitere Eindrücke vom Festival? Hier gibt’s Highlights und Stimmen.
Teilnahme an den Schull- und Veedelszöch
am 2. März 2025 in Köln
